[ Gottesdienst und Predigt am 29.1.2006 ]
 

Predigt zu Genesis 8, 18-22

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der heutige Predigttext[Link], liebe Gemeinde, verheißt Segen. Segen als Beziehung, Segen als Vertrauen. Dabei steht zunächst alles dagegen.
Schauen wir zurück:

Mit der Schöpfung aus dem Chaos schafft Gott das Gute. Daran beteiligt: Gottes Geist, schwebend, nicht fassbar, kreativ und spontan. Am Ende seines Schaffens segnet Gott die Menschen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde - was man auch so übersetzen könnte: seid friedlich, nicht feindselig gesinnt, seid mutig und gebt aufeinander acht. Zuletzt sieht Gott alles an, was er gemacht hat, und empfindet es als sehr gut. Alle Voraussetzungen scheinen damit gegeben, dass nun die Schöpfung aus sich, aus der Lebens(fülle)- und Segenskraft, die in sie hineingelegt wurde, bestehen kann.

Wenig später – nach der guten Schöpfung Gottes – erfahren wir durch Adam und Eva von der Versuchung des Menschen.
Sein zu wollen wie Gott, das Überschreiten von heilsamen Grenzen und Machtstreben tönen uns als Grundakkorde des Bösen entgegen. Dabei gibt Gott Koordinaten, in denen sich der Mensch bewegen kann, sich entfalten soll, frei und doch gelenkt, geborgen durch sein Wort. Vor Missbrauch der in ihm angelegten Möglichkeiten will Gott den Menschen bewahren und schützen.

Aber kurz darauf lesen wir von Mord, vom Mord Kains an seinem Bruder Abel.
Missgunst, Neid, Habgier und Eifersucht mischen sich zu einem verlockenden, aber giftigen Saft von Aggressionen, der den Durst der Menschen zu stillen scheint (und nur wenig Widerstand erkennen lässt.) Kain, von Gott nicht verworfen, sondern auf die Probe gestellt, muss mit seiner unglaublichen Benachteiligung fertig werden und verliert den kraftanstrengenden Kampf mit sich und seinen Gefühlen – ein Schicksal, das sich bis zu uns heute auf vielfältige Weise wiederholt. im Kleinen wie im Grossen. Kriegerische Auseinandersetzungen und Machtsansprüche zeugen von Konflikten, die meist im Kleinen sich entzünden und weiterlodern bis sie irgendwann eskalieren.

Gottes Antwort darauf:
Eine große Flut. Das Maß ist voll. So kann es nicht weitergehen. Der Mensch hat seine Freiheit verspielt. Er hat gegen Gottes heilsame Ordnungen verstoßen.
Gott ist bekümmert, verärgert. Mit überaus menschlichen Zügen wird Gott in der Urgeschichte der Bibel, beschrieben. Er leidet darunter, dass sein Geschöpf sich von ihm abwendet. Die Geschichte der Menschheit steht auf dem Spiel.

Aber ein Mensch namens Noah glaubt fest an Gott und vertraut ihm, lebt weiter in Beziehung, gibt sie nicht auf. Noah, seiner Familie und den Tieren hilft Gott. Im Erdenchaos tönt Rettung an, in der Dunkelheit der Welt ein Licht- und Hoffnungsschimmer.
Viel Wasser fällt vom Himmel und lässt alles, was auf der Erde lebt, kriecht und wächst, untergehen. Die Wassermassen steigen soweit an, dass sogar die hohen Berge bedeckt werden. - Chaos!
Aber ganz oben drauf, getragen von der Flut:
Noah und seine Arche.

Er wird von Gottes Erdenchaos verschont. Kann nicht zurückschauen, auf die Erde, sondern hat nur eine Dachluke, aus der er nach vielen Tagen und Nächten großer Ungewissheit eine Taube ausfliegen lässt, die das Ende der Flut erkennen lässt. Das Chaos hat Neues hervorgebracht. Gott gedenkt an Noah, hält an der Beziehung zu ihm fest, lässt ihn nicht los, sondern trägt ihn über das Chaos hinweg.

Lange Zeit hat Gott dem Noah seine Gegenwart entzogen und lange nicht zu ihm gesprochen.
Doch jetzt wendet er sich endlich wieder zu ihm und spricht:

„Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne, und die Frauen deiner Söhne mit dir. Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm, das auf Erden kriecht, das gehe heraus mit dir, dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden.“

Und, nachdem Noah Gott für seine Rettung gedankt hat, spricht Gott weiter zu Noah:
„Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.
Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Was für eine Verheißung, liebe Gemeinde, was für eine Leidenschaft, mit der sich Gott dem Menschen zuwendet, trotz allem was uns aus der Beziehung zu Gott wegzudrängen scheint. Spricht doch alles dagegen – nach der Zerstörung und dem Chaos in der Welt.

Was heißt das für uns?
Je mehr man über die Geschichte von Noah nachdenkt, umso mehr erschließt sie sich dem Leser als eine Beziehungsgeschichte. Eine Beziehungsgeschichte, die verändernd wirkt, und doch irgendwie durchhält über veränderte Situationen hinweg.
Lernen loszulassen, dankbar für das Erlebte, um frei zu werden für neue Erfahrungen, dazusein für andere Menschen und offen gegenüber neuen Begegnungen.

Die Geschichte unseres Lebens schreiben wir nie nur allein. Andere sind daran beteiligt. darum ist jede Lebensgeschichte immer auch eine Beziehungsgeschichte. Und über alle menschlichen Beziehungen hinaus ist unser Leben auch eine Beziehungsgeschichte mit Gott. Ihm verdanken wir uns zu allererst und zu allerletzt. Er ist mittendrin in unserem Leben, manchmal fast unmittelbar erlebbar, manchmal eher auf eine kaum spürbare Weise. Das gibt uns Vertrauen, auch in stürmischen Zeiten unseres Lebens nicht allein zu sein.
Wir dürfen in der Gewissheit leben, dass wir als Gottes Geschöpfe ihm nicht egal sind. Gerade in den Turbulenzen unseres Lebens, wenn uns unser Gegenüber entfernt erscheint, wir uns feindlich gegeneinander stellen, wenn in der Familie oder in der Freundschaft Beziehungen zu scheitern drohen, lässt uns Gott seine Beziehung zu uns erfahren und spricht: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, denn ich habe dich erlöst, du bist mein.“ Er verschliesst sich nicht seiner Zuwendung, sondern tut Schritte auf uns zu, wenn wir kraftlos sind.

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Vier Gegensatzpaare sind es uns zutiefst vertraut. Und von denen uns sofort klar ist, wie sehr sie unser Leben ermöglichen, bestimmen, prägen. Gegensätzliches ist es, was jeweils zusammen genannt wird. Erst in der Balance ermöglicht es das Leben. Man überlege, was und wie es wäre, wenn es jeweils nur das eine gäbe. Nur Saat ohne Ernte, nur Frost ohne Hitze, nur Sommer ohne Winter, nur Tag ohne Nacht. So lässt die Kälte dieser Tage die Sehnsucht wachsen auf Wärme und den kommenden Frühling.

Erst das Miteinander und Ineinander, erst die Beziehung der unterschiedlichen Gegensatzpaare ermöglicht das Leben. Das Bewusstmachen reißt es aus der Normalität der Selbstverständlichkeit heraus und lässt uns in Nachdenken und Staunen geraten – und nicht zuletzt in Dankbarkeit. Und wir entdecken, dass diese Worte Gottes Segensworte sind, die unser Leben begleiten wollen.
Gott schenkt uns seine Gnade und Treue. Mehr noch. Er sorgt für Kontinuität. Denn Gottes Schaffen ist kreativ, dynamisch. Wie eine Melodie, die leise beginnt, durch Dur und Moll wandert, lauter tönt, mal schneller, mal langsamer sich bewegt, neue Klänge hervorbringt, eine frühere Tonfolge wieder aufnimmt oder eine andere weiterführt, mal seufzt, mal tanzt – so lässt Gott uns unser Leben erfahren. Variationen des Lebens. Spannend und manchmal mit überraschenden Wendungen. Der heutige Predigttext lädt uns ein, in diesem Gefüge, in den von Gott uns gegebenen Koordinaten unser Leben in die Hand zu nehmen und es zu gestalten.

Kirche und Gemeinde als Arche – ein schönes Bild, ein geborgenes, aber auch ein verpflichtendes Bild. Hier bin ich Geschöpf. Hier darf ich leben in der Gemeinschaft der Schwester und Brüder, die einander annehmen in seinem Namen. In aller Verschiedenheit. In allem, was uns trennt und auseinander bringt, kann uns doch nichts wesentliches auseinander bringen, weil wir sein Leib sind, Mitfahrende in seiner Arche. Wir sind Geliebte, Versöhnte – wir sind es ihm wert, dass er sich uns mitteilt, durch das Wunder seiner Schöpfung, denn – so Matthias Claudius vor 222 Jahren –:

„Gott sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein, er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot: es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“
„Gott lässt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf; er lässt die Winde wehen und tut den Himmel auf. Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot; er gibt den Kühen Weide und unsern Kindern Brot.
Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn, drum dankt ihm, dankt – drum dankt ihm, dankt – und hofft auf ihn!“
Amen.


Gottesdienstablauf

Orgelvorspiel

Im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat. Amen.

Spruch zum Wochenanfang (aus Psalm 66):
Kommt her und seht an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.


Wunderbar und rätselhaft, manchmal unbegreiflich und undurchschaubar, mal stürmisch oder entspannt – so erfahren wir unser Leben, jeden Tag neu.

Morgenlied RG 557, 1-3 (EG 440)
All Morgen ist ganz frisch und neu...

Gebet
Gott, Schöpfer des Lebens, groß und wunderbar sind Deine Werke an uns.
Licht und Dunkel, Schmerz und Freude sind bei Dir aufgehoben.

Mit Deiner Schöpfung aus dem Chaos hast Du uns Ordnung gegeben – Ordnung die heilsam ist und Beziehung schafft,
so auch den Sonntag.

Wir bitten Dich, lass uns ankommen und ruhig werden vor Dir,
sei Du mitten unter uns, wenn wir jetzt gemeinsam beten und singen. Amen.

Lied RG 568, 1.8 (EG 446)
Wach auf, mein Herz, und singe

Schriftlesung
Markus 4, 35-41[Link]

Lied RG 568, 9 (EG 446)
Wach auf, mein Herz, und singe

Predigt

Orgel-Zwischenspiel

Lied RG 540 (EG 508)
Wir pflügen und wir streuen

Abkündigungen
...
Gott der Lebendigen und der Toten, wir bitten Dich um Deinen Trost für die Hinterbliebenen. Stehe ihnen bei in ihrer Trauer. Und wo jemand das letzte Wegstück zu gehen hat, da sei du bei ihm und schenke ihm deinen Frieden. Amen.

Orgel-Zwischenspiel

Fürbittengebet
Allmächtiger Gott, du hast die Welt geschaffen und alles was in ihr ist.
Es gibt Zeiten, da fällt es uns schwer Dich zu erkennen.
Stärke unser Vertrauen zu Dir und lass Deine Schöpfung nicht Schaden nehmen durch uns Menschen.
Wir rufen gemeinsam: Gott, erhöre uns.

Wunderbar ist Dein Wirken in der Welt.
Aber es gibt Zeiten, da schwankt uns der Boden unter den Füssen, wir haben keinen festen Tritt mehr, verlieren die Orientierung –
in der Partnerschaft, in der Familie und im Beruf.
Wir rufen: Gott, erhöre uns.

Du gebietest dem Sturm und schaffst Ruhe.
Vertreibe von uns die Wolken des Zweifels und der Angst und mache uns frei zur Liebe untereinander.
Wir rufen: Gott, erhöre uns.

Wir bitten Dich für die Menschen, denen der Blick auf das Wunderbare genommen ist. Wir wissen uns verbunden mit den armen und kranken Menschen hier in der Gemeinde und anderswo.
Sei ihnen nahe. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was uns besonders am Herzen liegt.
...
Hab Dank, Gott, dass Du uns hörst und auf Deine Weise erhörst.

Unservater

Lied RG 247, 1.3 (EG 331)
Großer Gott wir loben dich

Mitteilungen
...
Gottes Geist, der Leben verheißt, geleite uns in diesen Sonntag und in die kommende Woche.
Wir sammeln uns zum Segen.

Segen

Schlusslied RG 346, 1-4 (EG 171)
Bewahre uns, Gott, behüte uns Gott...

Orgelnachspiel

© UlrichHossbach.de