[ Gottesdienst und Predigt am 23.4.2006 ]
 

Predigt zu Johannes 20, 19-29

Wer von Ihnen, liebe Gemeinde, hat noch nie gezweifelt?
Zweifellos – keine Frage zum Verzweifeln. Schon der italienische Dichter Alessandro Manzoni des 19. Jh. wusste: „Es ist besser, sich von Zweifeln beunruhigen zu lassen, als lange im Irrtum zu verweilen.“

Mit Zweifel wird die Unsicherheit in Bezug auf Vertrauen, Taten, Entscheidungen oder Glauben bezeichnet.
Wenn man etwa zwiespältigen Gefühlen unterliegt, dann ist man unsicher, man weiß etwas nicht genau oder man glaubt etwas nicht - man zweifelt. Die Zerrüttung durch unaufhörlich „nagende“ Zweifel kann dann bis zur Verzweiflung führen.
In der voraufklärerischen Werteordnung galten Zweifel als ein Übel, das schnell beseitigt werden sollte und das, als Dauerzustand, einen Menschen zerstöre. Seit der Aufklärung wurde der Zweifel mehr und mehr aufgewertet und gilt seither als Voraussetzung allen Erkenntnisfortschritts. Erkenntnistheoretiker weisen allerdings darauf hin, dass Zweifel nur möglich ist durch den Glauben an (eine) Wahrheit.

Ostern – Auferstehung, vom Tod zum Leben.
„Christus ist erstanden von den Toten, im Tode bezwang er den Tod und hat allen in den Gräbern das Leben geschenkt“. So singen die orthodoxen Christen an diesem Sonntag und verkünden damit musikalisch eindrucksvoll die Osterbotschaft.
„Christus ist auferstanden – er ist wahrhaft auferstanden“ rufen sich danach alle Anwesenden zu und bekräftigen den Satz mit einem Kuss. Eine Wahrheit, die geglaubt und erlebt wird.

Hat da Zweifel einen Platz? Darf man da überhaupt zweifeln?
In der Schriftlesung haben wir gehört von der Begegnung des auferstandenen Christus mit seinen Jüngern. Der heutige Predigttext handelt von dem zweifelnden Jünger Thomas.

Predigttext (Johannes 20, 19-29)[Link]

Der zweifelnde Thomas – wie geht es ihnen, liebe Gemeinde, können Sie sich mit ihm identifizieren oder distanzieren Sie sich lieber von ihm? Die Person des Thomas – fremd oder sehr vertraut? Wollen wir nicht auch sicher sein und sichergehen, wem wir uns anvertrauen. Und ist es nicht zutiefst menschlich, zu hinterfragen, um Gewissheit zu erlangen.

Ich möchte Sie einladen, die Person des Thomas einmal näher kennen zu lernen. Vielleicht muss man sich mit ihm ein wenig anfreunden, um ihn und damit uns besser zu verstehen. Wer war dieser Thomas? Das einzige, was wir in der Bibel über den Jünger Thomas hören, ist der Bericht von seinem Zweifel. Lassen wir den Thomas heute einfach selbst zu Wort kommen.

Das ist es, was Thomas erzählen könnte: Ich, Thomas, war ein Jünger Jesu Christi. Ich war keiner der berühmtesten Jünger, wie Petrus oder Johannes. Wahrscheinlich bin ich nie besonders aufgefallen – bis zu dieser Geschichte, als Jesus extra für mich noch einmal kam.

Aber ich will nicht vorgreifen. Ich möchte zunächst noch sagen, wie ich aufgewachsen bin. Meine Eltern waren nicht arm, sie konnten es sich leisten, mich zur Schule zu schicken. Sie wollten eine gute Ausbildung für mich haben, und so habe ich alles gelernt, was man damals bei uns lernen konnte. Ich habe Griechisch gelernt, und ich konnte es gut. Lernen hat mir Spaß gemacht. Ich dachte, wenn ich viel lerne, dann verstehe ich die Welt besser, und dann komme ich auch im Leben besser zurecht.

Ich wollte alles wissen – was es in der Welt gab, warum die Welt so geworden war, wie sie war, warum die Menschen sich so und nicht anders verhielten – und ich wollte wissen, wer Gott war. Nun war die römische Provinz Syrien-Palästina ja damals nicht gerade der Nabel der Welt.

Alle Schriften, die ich bekommen konnte, habe ich gelesen. Aber am meisten beschäftigte mich die Philosophie. Die großen Fragen faszinierten mich: Was ist der Mensch? Wie soll der Mensch leben? Wie kann der Mensch glücklich werden? Was ist der Tod? Können wir die Wahrheit erkennen? Die griechischen Philosophen sprachen anders über Gott als Mose und die Propheten, über die ich auch alles gelernt hatte. Und die Philosophen waren sich untereinander auch nicht einig, es gab viele philosophische Schulen, die miteinander in Konkurrenz standen bei der Suche nach der Wahrheit. Wer von ihnen allen hatte recht? Warum, so fragte ich mich, sind die Menschen ausgerechnet bei den wesentlichen Fragen des Lebens nicht in der Lage, eindeutige Antworten zu geben?

Mit der Zeit wurde ich sehr skeptisch gegenüber allem, was ich gelesen oder gehört habe. Die Philosophen überzeugten mich nicht mehr. Ihre Worte klangen schön und erhaben, aber sie waren weit weg von meinem Leben, sie halfen mir nicht. Wie viele Fragen gab es, die sie unbeantwortet ließen! Und die Wunder, von denen die alten Schriften erzählten – woher sollte ich wissen, ob sie sich wirklich so ereignet hatten? Alles das erschien mir auch weit entfernt von meinem Leben.

Und so nahm ich nur noch das ernst, was sich mir hautnah aufdrängte. Die Mathematik nahm ich ernst, weil sie sich nicht widersprach, weil mein Verstand sie begreifen konnte. Die Freude am Essen und Trinken und an schönen Dingen nahm ich ernst, weil das etwas Handfestes war. Meine Freunde nahm ich ernst, weil ich mich mit ihnen zusammen vergnügen konnte. Aber ich spürte bei alledem, wie mein Leben ärmer geworden war. Ich wollte gern an etwas glauben, das über die Wissenschaft hinausging, das mir mehr gab als Essen und Trinken und Vergnügen.

Und dann kam die Zeit, als Jesus von Nazareth in der Nähe meines Wohnortes seine Predigten hielt. Ich hörte, dass große Mengen von Menschen zu ihm gingen, und dass er sie begeistern konnte. Zuerst war ich skeptisch, wie es meine Art war. Ein Rabbi aus Nazareth, ein kleiner Dorfprediger? Was sollte der mir schon zu sagen haben? Aber ich hatte schon lange nichts Neues mehr gehört oder gelesen, und so ging ich einfach mal hin, um mitreden zu können. Und ich hörte Jesus predigen.

Ich hörte, wie er von der Herrschaft Gottes hier und jetzt sprach. Ich hörte, wie er das Gesetz des Mose auslegte, wie er zu Liebe und Vergebung aufrief. Ich hörte, wie er die Heuchelei verurteilte und denen Gottes Liebe zusprach, die bisher keiner beachtet hatte. Ich hörte, wie er gegen Lebensangst und beklemmende Sorge anpredigte. Und ich sag, wie er mit den Menschen umging. Ich sah, dass er jeden ernstnahm, der sich an ihn wandte. Ich sah, wie Menschen, die ihm vertrauten, an Leib und Seele gesund wurden.

Seine Worte waren anders als alles, was ich bisher gehört und gelesen hatte. Vielleicht war das auch deshalb so, weil seine Worte von Taten begleitet waren. Seine Taten erklärten seine Worte, und umgekehrt. Von einer Sekunde zur anderen war bei mir die Gewissheit da: Ich muss ihm nachfolgen. Und so wurde ich sein Jünger. Ich gehörte zu den Zwölfen, die immer bei ihm waren. Das war oft nicht einfach. Ich gebe es zu: Ich hatte Schwierigkeiten mit den anderen Jüngern. Na gut, mit Johannes konnte man reden, aber die anderen? Einige waren Fischer, die noch nicht einmal ihren eigenen Namen schreiben konnten, manche kamen von den Zeloten, also Leute mit gewalttätigem Hintergrund.

Ja, damals war ich noch sehr arrogant. Ich habe mir viel auf mein Wissen, auf meinen Verstand, auf meine Urteilskraft eingebildet. Und so blieb es lange Zeit. Ich war ein Außenseiter im Jüngerkreis. Oft hatte ich das Gefühl: Andere sind viel näher bei Jesus als ich. Die anderen konnten auch besser mit Menschen umgehen als ich. Wenn Menschen zu Jesus kamen und eine Zeit warten mussten, sprachen sie eher mit den anderen Jüngern als mit mir. Wer versteht mich schon, dachte ich damals. Und manchmal dachte ich auch: Worauf habe ich mich eingelassen? Ist Jesus wirklich so anders als alle anderen? Wer ist er eigentlich?

Ganz früh schon hatte ich begriffen, dass Jesus auch viele Feinde hatte. Wir alle, wir Jünger, hielten es für keine besonders gute Idee, als Jesus sagte: Wir gehen zum Passafest nach Jerusalem. Denn in Jerusalem saßen seine Feinde. Dort hatten sie Macht und Einfluss auf den römischen Statthalter. Aber Jesus bestand darauf. Er sagte viele merkwürdige Dinge in jenen Tagen, die wir Jünger alle nicht verstanden. Erst später begriffen wir, dass er damals schon von seinem Leiden und Sterben und von seiner Auferstehung sprach. Bevor es geschah, waren wir wie Blinde. Und als es geschah, waren wir nicht nur wie Blinde, sondern auch noch wie Gelähmte - gelähmt vor Furcht. Jesus wurde verhaftet, verurteilt und hingerichtet.

Für uns Jünger schien das das Ende von allem zu sein. Wir hatten Glück, dass einer von uns Verwandtschaft in Jerusalem hatte und wir deshalb in einem Haus gastfreundlich aufgenommen wurden. In diesem Haus saßen wir dann auch fest. Alle hatten Angst, dass jemand uns sehen könnte, uns als Nachfolger Jesu erkennen und bei den Behörden anzeigen würde. Wer weiß, was dann mit uns hätte geschehen können!

So verschlossen wir die Türen und Fenster und versteckten uns in diesem Haus. Und die Tage und Nächte vergingen quälend langsam. Nach dem Freitag, dem Tag, als Jesus gestorben war, folgte eine lange Nacht, in der niemand schlafen konnte. Dann kam der Samstag, ein weiterer trostloser Tag, und dann noch eine lange Nacht. Am dritten Tag, am Sonntag, war die Atmosphäre bis zum Zerreißen gespannt. Wir hatten gehört, dass einige von den Frauen, die Jesus gefolgt waren, zum Grab gehen wollten, um den Leichnam zu salben. Das machte die Stimmung auch nicht besser. Irgendwann am Sonntagmorgen hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste das Haus verlassen. Für mich, den Außenseiter, war es sehr schwer, so lange mit den anderen auszuhalten. Und so verließ ich das Haus, irrte ziellos in den Gassen Jerusalems herum, den ganzen Tag lang.

Erst spät am Abend kehrte ich hungrig und erschöpft zu den anderen Jüngern zurück. Und wie merkwürdig: In ihren Augen leuchtete Hoffnung, der dumpfe Schleier der Verzweiflung schien von ihnen genommen zu sein. „Wir haben den Herrn gesehen“, war alles, was sie zu mir sagten. Aber in mir blieb alles leer. Mehr als je zuvor fühlte ich mich als Außenseiter. Jesus sollte auferstanden sein - und er sollte zu ihnen gekommen sein, ausgerechnet, als ich nicht dabei war? Das sollte ich glauben? Ich mit meiner philosophischen Bildung, ich mit meinem klaren Verstand sollte dem Wort von Fischern glauben? Wie konnte ich mich in so einer bedeutungsvollen Sache auf das Wort anderer verlassen?

„Nein“, sagte ich. „Wenn ich ihn nicht selbst anfassen kann - seine Wunden spüren, in seinen Händen, an seiner Seite - dann kann ich das nicht glauben.“
Nicht nur sehen wollte ich ihn, sondern anfassen, be-greifen, um das Unbegreifliche zu verstehen. Mein Verstand, meine Wahrnehmung erschienen mir immer noch als das Maß aller Dinge. Und dann gingen weitere Tage dahin. Wir hatten beschlossen, erst einmal in Jerusalem zu bleiben. Frohe Tage waren es für die anderen, quälende Tage für mich.

Und dann, eine Woche später, saßen wir alle beieinander, und wieder waren die Türen verschlossen. Und plötzlich war Jesus bei uns. „Friede sei mit euch!“ sagte er. Und dann sah er mich an. Sein Blick schien bis in mein Innerstes zu dringen. Und er sagte zu mir: „Leg deinen Finger auf meine Hände, leg deine Hand auf meine Seite. Fass mich an, begreife, dass es wahr ist, was du siehst und was du fühlst. Sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“
Komisch - ich musste es überhaupt nicht mehr tun. Ich musste ihn nicht anfassen. Ich glaube, ich habe gelächelt in diesem Moment, als ich begriff, wie wenig meine Hände und meine Augen mir helfen können bei der Suche nach Wahrheit.

So weit, liebe Gemeinde, die Erzählung des Thomas. Vielleicht haben wir uns an der einen oder anderen Stelle mit diesem Jünger identifizieren können. Vielleicht haben wir seinen Zweifel geteilt, seine Ängste, seine Suche nach Wahrheit.


Thomas ist kein Negativbeispiel. Sein Zweifel ist vielmehr Motor der Erkenntnis. Nach Jesu Kreuzigung und Tod aus der Gottesnähe gerissen zweifelt er, ja muss er geradezu zweifeln. Seine Trauer um Jesus ist sichtbares Zeichen des Glaubens an ihn und sein Wirken. Auf die Nachricht von der Auferstehung reagiert er trotzig. Wie leicht kann Glaube zur Selbsttäuschung werden. Er zweifelt, weil die Welt sich verändert haben müsste, wenn der Tod wirklich besiegt wäre. Er zweifelt, weil zumindest er selbst ein anderer sein müsste, wenn Auferstehung wahr wäre.

Aber Thomas ist nicht nur der Zweifler, er ist zugleich der stärkste Zeuge der Auferstehung. Er muss ihn berühren, damit er nicht mehr zurückschaut, damit er den Tod hinter sich lässt, um nach vorn zu blicken auf das Leben.

Glaube und Zweifel dürfen nicht auseinander gerissen werden, sie gehören eng zusammen, besonders in der reformierten Tradition. Bibel und Tradition erlauben Zweifel, nur so kann Veränderung und Erneuerung geschehen.

Die Berührung Jesu wird für Thomas heilsam. Wiedergeboren zu lebendiger Hoffnung erkennt und bekennt er den Auferstandenen als ‚seinen Gott’. Der Zweifel hat ihn in einer tiefe Gewissheit geführt, die Licht ins Dunkel bringt, ihm neue Kraft gibt und Zukunft eröffnet.

„Selig sind die, die nicht sehen, und doch glauben.“ Mit diesem Satz will Jesus nicht Fromme von Ungläubigen scheiden. Mit ihm will er uns vielmehr ermuntern, vertrauen zu lernen, dann, wenn wir nicht begreifen können und Glaube unsichtbar wirkt. Denn Segen ist es, der auf dieser Spannung liegt zwischen ‚nicht sehen – und doch glauben’.
Amen.


Gottesdienstablauf

Orgelvorspiel

Votum
Im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat. Amen

Begrüssung
Ich begrüsse Sie zum Gottesdienst am ersten Sonntag nach Ostern – mit dem Wochenspruch, der an Ostern anknüpft:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner grossen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Lebendigkeit und Hoffnung – Gaben, die uns besonders von Ostern her gegeben sind und uns auch durch diesen Gottesdienst begleiten wollen, im Hören auf das Wort und im gemeinsamen Singen geben wir ihnen Ausdruck.

Morgenlied RG 571, 1.4 (EG 449)
Die güldne Sonne voll Freud und Wonne

Eingangsgebet
Gott, wir danken Dir für das Licht, das Du uns durch Deine Auferstehung schenkst, Licht, das nach dunkler Nacht uns hell entgegenscheint und uns wärmen will.
Lass uns offen werden für die Strahlen der Liebe und der Hoffnung, der Bereitschaft für Veränderung und Neuanfang.
Sei Du bei uns in Zeiten von Angst und Zweifel, wenn wir suchen und nicht finden.
Gib uns Vertrauen, das wächst, sanft und wundervoll – jeden Tag neu.
Amen.

Osterlied RG 476, 1.2
Nun freut euch hier und überall, der Herr ist auferstanden

Schriftlesung
Johannes 20, 19-29[Link]

Lied RG 671,1 (EG 365)
Von Gott will ich nicht lassen

Predigt

Orgelimprovisation

Lied RG 671, 3.4 (EG 365)
Von Gott will ich nicht lassen

Fürbitten – Stille – Unser Vater

Lied RG 704
Meine Hoffnung und meine Freude

Mitteilungen

Segen

Schlusslied RG 343 (EG 170)
Komm, Herr, segne uns

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