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Predigt zu Lukas 8, 4-8
Vom Sämann – vom erfolgreichen Leben
Kennen Sie das, liebe Gemeinde, da kämpft man für eine Sache, powert sich ab, will man nur das Beste, bereitet sich akribisch auf etwas vor... und – am Ende kommt alles ganz anders, als man dachte. Erwartungen werden enttäuscht und alles scheint gegen einen zu arbeiten.
Ärger, Frustration und Ohnmacht stellen sich dann meist ein, und – da es nur wenigen von uns wirklich Freude bereitet, die Schuld bei sich zu erkennen – sucht man sie lieber beim andern.
Eine Erfahrung, die sicherlich jeder von Ihnen auf seine besondere Weise gemacht hat und ohne Mühe mit farbigen Erinnerungen ausmalen und ergänzen kann. Hinterher ist man meist schlauer und sagt sich: Hätte ich doch nur... oder: Wenn ich nur gewusst hätte...
Aber Misserfolg kennt selten Rücksicht, erst recht nicht in unserer heutigen Wettbewerbsgesellschaft. In der Welt der Global Players und der Gewinnmaximierung von Unternehmen scheinen Härte, Ehrgeiz, Machtstreben und Arroganz andere Werte zu verdrängen. Und diese Werte färben auf uns ab. Besonders die Werbung suggeriert dem Konsumenten, wie er sich durch das Produkt gegenüber anderen Konsumenten abgrenzen und über sie hinwegsetzen kann.
Das hat Auswirkungen auf viele von uns und prägt unsere Sichtweise, wenn jeder Mensch froh ist, wenn ihm sein Leben gelingt, er oder sie Beruf und Familie unter einen Hut kriegt, gesundheitlich oder finanziell besser da steht als der oder die andere. [Bei den Männern scheint der Kampf- und Siegeswille ich als antreibender Motor zu entpuppen, bei den Frauen Neidgefühle die vorherrschenden Emotionen zu sein.]
Von Misserfolg und Erfolg handelt auch der heutige Predigttext – hören wir genauer hin:
„Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis: es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und einiges fiel auf den Fels, und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s.
Aber einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Ein Gleichnis, liebe Gemeinde, das Jesus am Anfang seines Wirkens zu seinen Jüngern spricht. Jesus zieht durch Städte und Dörfer und predigt das Evangelium. Menschen kamen von weit her und versammelten sich, um seine befreiende Botschaft zu hören. Befreiung geschah und geschieht durch Erkenntnis, Erkenntnis im Glauben, die die Logik übersteigt und die Normalität durchbricht, könnte man sagen. Aber was ist hier das befreiende Wort, das Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gibt? Es braucht vielleicht eine kleine Weile, bis uns einiges von dem entgegenleuchtet, was die Erzählung für uns bereithält.
Kein Wunder – werden Sie jetzt vielleicht sagen – hat der Sämann keinen Erfolg, wenn er doch so unachtsam mit seinem Samen umgeht. Nur zu logisch, dass er damit keinen Erfolg hat. Einige von Ihnen werden sich sogar denken, geschieht ihm nur Recht, diesem Tölpel.
Aber Vorsicht! –
Einverstanden, ganz verständlich wirkt die Methode des Säens für uns nicht. Da wirft einer den teuren Samen auf den Fußweg und auf Felsen und schließlich auch noch unter Dornen – da soll man sich nicht wundern, dass die Saat nicht aufgeht.
Wenn man dann noch mit unserem neuzeitlichen Verständnis von Säen und der Kritik an dem Sämann, der dies ja unreflektiert zu tun scheint, herangeht, dann könnte man schnell zu dem Schluss geraten: Der Sämann streut den Samen absichtlich irgendwo hin, wo er gar nicht aufgehen kann.
Joachim Jeremias, ein bekannter neutestamentlicher Theologe, sagte einmal, erst wenn wir wissen, wie damals gesät wurde, können wir das Gleichnis vom Sämann verstehen Schauen wir uns also die Methode des Säens einmal genauer an.
Erhellend wirkt ein kurzer gedanklicher Ausflug ins alte Palästina, wenn wir erfahren, dass dort vor dem Pflügen gesät wurde. Unser Sämann aus dem Gleichnis schreitet also über das ungepflügte Stoppelfeld (Bild). Dann wird auch begreiflich, warum er auf den Weg sät. Absichtlich besät er den Weg, den die Dorfbewohner über das Stoppelfeld getreten haben, weil der Weg mit eingepflügt werden soll. Absichtlich sät er auf die Dornen, die verdorrt auf dem brachen Feld stehen, weil auch die mit umgepflügt werden sollen. Und dass Saatkörner auf das Felsige fallen, kann jetzt nicht mehr überraschen: die Kalkfelsen sind von dünner Ackerkrume bedeckt und heben sich kaum oder ganz nicht mehr vom Stoppelfeld ab, bevor die Pflugschar knirschend an sie stößt.
Was uns also als Ungeschick erscheint, erweist sich für palästinensische Verhältnisse als Normalfall. Der Sämann handelt ganz und gar in der Sämethode seiner Zeit. – Sicherlich haben es die Körner, die auf das gute Land fallen, einfacher aufzugehen, aber auch diejenigen, die auf den Weg oder unter die Dornen gelangen, haben eine Chance zu gedeihen.
Ein Gleichnis also, das mitten aus dem Leben entspringt. Die Erzählung vom Sämann beschreibt nicht nur den Ackerbau, sondern wendet sich an Menschen in konkreten Lebenssituationen – und so auch an uns.
Ich lade Sie ein, liebe Gemeinde, sich einmal in die Lage des Sämann hinein zu versetzen. Was erlebt er, nachdem er seinen Samen ausgestreut hat, seine Arbeit getan hat? Seine Bemühungen laufen ins Leere, Hoffnungen werden zerstört – ja Aussichtslosigkeit scheint sich Bahn zu brechen, angesichts der gemachten Erfahrungen.
Auffällig in unserem Text ist die ausführliche Beschreibung des Misserfolgs in drei von vier Sätzen. Menschen wagen es, querfeldein über seinen Acker zu latschen, treten mit ihren Schuhen auf die kostbare Saat und zerstören mögliche Zukunftsaussichten.
Vögel picken die Saat weg – er kann sie nicht verjagen, sie kommen immer wieder, penetrant und gemein. Sie picken sich etwas heraus, was ihnen nicht zusteht, was für einen anderen Zweck gedacht ist und Größeres und Zukunft verspricht.
Es sind Erwartungen, die einfach weggepickt werden. Plötzlich wird uns etwas aus unserem Leben gerissen, manchmal ohne dass wir es gleich zu verstehen vermögen. Hoffnungen, die herausgepickt wurden, kostbare Schätze, die unser Leben so reich gestalten.
Besonders jungen Menschen werden heute Perspektiven verwehrt, wenn sie nur wenig Aussicht auf die Zukunft haben, keinen Arbeitsplatz kriegen, sich bemühen und abstrampeln, aber immer wieder enttäuscht werden.
Hier die Erwartungen, und da die bittere Realität. Ein täglicher Kampf ums Dasein droht zu entstehen und lässt Menschen in künstliche, angenehmere Realitäten entfliehen, wo ihnen ein bisschen mehr Wärme, Liebe und Geborgenheit versprochen wird.
Oder denken wir an die Menschen in den armen Ländern dieser Welt, denen sogar das Saatgut verwehrt ist und die tagtäglich um ihre Existenz und ihre Menschenrechte kämpfen müssen. Wie ergeht es erst ihnen? Jürgen Drewermann drückt es so aus:
Wie erweckt man in den Kindern der Städte, die in Lampionnächten gezeugten, wieder den Anblick der Sterne? Wie weitet man die im Kerker der Erde schon Erstickten zur Sehnsucht nach der Unendlichkeit? –
Neben den Vögeln, die Steine.
Versteinerte Menschen, die den Kopf in den Sand stecken, wo mangelnde Feuchtigkeit das Aufnehmen von nährendem Grund und Lebenssinn verhindert.
Entschwundenes Vertrauen, das die Beziehungen zu anderen Menschen infragestellt und Misstrauen und Argwohn hervorbringt. An den Rand der Gesellschaft gedrängt, auf sich selbst gestellt, immer kreisend, in den gleichen Bahnen.
Und die Dornen.
Sie ersticken alles, hindern am Wachsen, Pessimisten, die fruchtbare Ideen nicht zulassen wollen, Menschen, die andere kleinhalten wollen, mit ihren Krallen um sich greifen, wehtun. Hindernisse, die sich uns in den Weg stellen. Verletzungen, geplatzte Träume, Krankheit und Not.
Was bleibt da noch zu hoffen?
Hören wir auf das Ende des Textes.
„Aber einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Eine kleine Menge des Samens fällt auf guten Boden.
Hieraus lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen.
1. Es gibt Menschen und es gibt Konstellationen im Leben, in denen Gutes sich ereignet und Gutes für uns erlebbar wird.
2. Diese Voraussetzungen sind fruchtbar. An sie kann man anknüpfen, auf sie kann man bauen. Sie sind Multiplikatoren, dass Liebe und Vertrauen wachsen und reifen kann.
Ja, und daraus kann man wiederum den Schluss ziehen: Es lohnt sich! Denn unser Glauben lässt uns trotzen, richtet den Blick auf das, was verborgen ist. Und so kann jeder von uns daran arbeiten, dass die Welt ein bisschen besser wird.
Klingt gut und einsichtig, werden einige von ihnen denken, aber damit ist das andere nicht weggetan. Soll es auch nicht, liebe Gemeinde. Der heutige Text negiert ja nicht unsere Lebensrealität, er nennt die Dinge ausführlich beim Namen und nimmt sie somit ernst. Aber – wir sollen nicht nur auf die Misserfolge sehen, das, was uns an Üblem widerfährt, den Atem raubt, sich gegen das Leben stellt.
„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Dieser Ausruf Jesu am Ende des Gleichnisses verstärkt gerade die gute und befreiende Aussage von der fruchtbringenden Saat.
Wir sollen unseren Blick auf das Gute uns nicht nehmen lassen. Gerade wenn alles gegen uns zu sprechen scheint, sind Anzeichen von Hoffnung in Sicht, ist Samen gestreut, der später einmal Frucht bringen wird.
Diese Einsicht lässt uns Aufatmen und gibt uns Mut, damit wir nicht in unseren Sorgen ersticken.
Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine neue Lesart des Gleichnisses:
Vielleicht und gerade geht der Sämann zum hundersten Mal aus und streut seinen Samen aus. Er freut sich, dass er soviel Samen beisammen hat. Er freut sich über seine Gaben. Er denkt nicht: Hoffentlich reicht es! Habe ich etwa zu wenig?
Er streut einfach aus. Er ist dankbar für den Samen, den er hat und den er ausstreuen kann. Der Sämann verschwendet seine Samen, und er freut sich auf das, was aufgehen wird. Nichts wird davon berichtet, dass er sich angstvolle Gedanken darüber macht, welcher Teil der Samen aufgehen wird und welcher nicht.
Eine gewisse Leichtigkeit, die dem Sämann anhaftet. Eine gewisse Bewunderung möchte man ihm vielleicht entgegenbringen, wie er mit einer solchen Zuversicht auf den guten Boden vertraut.
Misserfolg – oder Erfolg?
Für was, liebe Gemeinde, würden Sie sich lieber entscheiden?
Was für eine doofe Frage, werden sie nun denken.
Aber mal ehrlich: Sind es nicht die kleinen Misserfolge, die Steine, die sich uns im Leben – bei jedem von uns auf unterschiedliche Weise – in den Weg stellen. Sind es nicht vor allem die zu überwindenden Hindernisse, die unsere Erfahrung bereichern, uns nach anstrengenden Phasen wieder tief durchatmen lassen, mit der gemachten Erfahrung im Rücken und neuer Sicht der Dinge auf das Kommende. Was wäre unser Leben ohne Niederlagen, Enttäuschungen, geplatzte Erwartungen.
Letzten Sonntag haben wir von der 'Lauheit' gehört – Apathie, das Verhindernwollen von Gefühlen, sich das Leben so einrichten, dass herausragende Emotionen Ausdruck finden. Wenn wir nicht mehr richtig trauern können, so bleiben uns selbst tiefe Glücksgefühle verwehrt und wir verharren in Unbeweglichkeit.
Alles hat seine Zeit. Abschiednehmen und Trauern, aber auch Freude und Hoffnung – nicht immer gleich und in höchsten Masse, sondern manchmal sanft und still, unsichtbar und doch spürbar. Nur so geschieht Wachstum und Veränderung, nur so entsteht Leben.
Erfolg oder Misserfolg – Diese scharftrennende Sichtweise macht uns blind für die wirklichen Erfolge.
Schauen wir auf die kleinen Erfolge, die nicht nach außen dringen, ja sogar nicht im öffentlichen Interesse vorkommen, weil da doch mehr die sichtbaren Misserfolge ausfindig gemacht werden. Kleine Erfolge, (eine Kunst der kleinen Schritte), der reformierte Theologe Karl Barth nannte es Mut zum Stückwerk.
In der Versöhnung nach einem Streit, im Finden von Verlorengeglaubtem, in einer liebevollen Aufmunterung – Dinge, die wir im Wettbewerb und Stress unserer Tage verloren zu haben scheinen oder in der Unübersichtlichkeit des Alltags nicht entdecken wollen.
Denn da ist der Boden fruchtbar, wo ein gutes Wort uns aufrichtet, der Besuch oder Gedanke eines Menschen eine Zeitlang aus der Normalität heraushebt und uns erfahren lässt, dass es noch andere Werte für uns gibt – zart wie eine Blüte, die aber irgendwann keimt und Früchte bringt, wenn man sie pflegt. Am Ende des Gottesdienstes sind Sie eingeladen, ein oder mehrere Samenkörner mit nachhause zu nehmen – als symbolisches Zeichen können Sie es an die Stelle legen, wo es etwas bewirken soll, wo Sie Hoffnung säen möchten.
„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Ein Angebot, liebe Gemeinde, mehr noch ein Aufruf, der uns wachrütteln soll, zu hören und zu schauen auf das, was vor uns liegt, uns erwartet, verborgen.
Denn es lohnt sich, Früchte zu säen und zu ernten, etwas zu tun, generationsübergreifend, nachhaltig und wirksam. Auch wenn es nicht immer gleich nach außen dringt, da Misserfolge sich vordrängeln und im Rampenlicht erscheinen wollen, das fruchtbare füllt uns von innen und birgt gerade da die unzerstörbare Kraft von Licht und Hoffnung.
Wir können es lernen, Schritt für Schritt, egal in welchem Alter, ein Leben lang.
Die folgenden Worte des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupery können uns dabei helfen:
Gott, wir bitten nicht um Wunder und Visionen, sondern um Kraft für den Alltag.
Lehre uns die Kunst der kleinen Schritte.
Bewahre uns vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen.
Schenke uns die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge und Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.
Erinnere uns daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick uns im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, uns die Wahrheit in Liebe zu sagen.
Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen.
Gib, dass wir diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen sind.
Verleihe uns die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben. Mach aus uns Menschen, die einem Schiff mit Tiefgang gleichen, um auch die zu erreichen, die ‚unten’ sind.
Bewahre uns vor der Angst, wir könnten das Leben versäumen.
Gib uns nicht, was wir uns wünschen, sondern was wir brauchen.
Lehre uns die Kunst der kleinen Schritte.
Amen.
Gottesdienstablauf
Orgelvorspiel
Votum
Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.
Begrüßung
Liebe Gemeinde,
im heutigen Gottesdienst steht das Thema Wachstum im Mittelpunkt. Wachstum hat zu tun mit Säen, Reifen, Erwachsenwerden, mit Erfolgen und Misserfolgen und dem Früchtetragen.
Das Bild der Natur, in die immer wieder auch unser Leben eingebettet liegt.
Lied RG 167, 1-3 (EG 168)
Du hast uns, Herr, gerufen und darum sind wir hier
Eingangsgebet
Lied RG 541, 1-3
In der Erde ruht die Saat
Schriftlesung
Markus 4, 26-29 Vom Wachsen der Saat
Lied RG 456, 1-3 (EG 98)
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim der aus dem Acker in den Morgen dringt
Predigt
Orgel-Zwischenspiel
(Improvisation über Wer nur den lieben Gott lässt walten)
Lied RG 681, 1 (EG 369)
Wer nur den lieben Gott lässt walten
Fürbitten – Stille – Unser Vater
Lied RG 681, 6.7 (EG 369)
Wer nur den lieben Gott lässt walten
Mitteilungen
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Kollekte Verein Espoir
Sendungswort & Segen
Lied RG 347, 1-3 (EG 168.4)
Wenn wir jetzt weitergehen
Orgel-Nachspiel
© UlrichHossbach.de
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