[ Gottesdienst und Predigt am 6.8.2006 ]
 

Predigt zu Markus 10, 35-45

Wünsche, Träume, Sehnsüchte, liebe Gemeinde, prägen unser Leben und bereichern es.
Ohne sie wäre das Leben sicherlich hoffnungslos, trist und langweilig. Wünsche ernähren uns, können stärken und schwächen, halten auf oder treiben an zur Motivation.
Denn: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!

Träume bringen uns voran - lassen verborgenes erkennen und lassen aufblicken, dass es noch etwas anderes gibt, als meine jetzigen Koordinaten, in denen ich mich bewege, zufrieden bin oder leide, unglücklich über eine Sache bin und Trost suche. Und auch Sehnsüchte lassen hoffen, wollen einmal Erfüllung finden - Liebe, Heimat, Geborgenheit oder Erfolg im Beruf.

Erfüllte Wünsche bedeuten Stillstand. Solange wir leben, müssen wir unterwegs bleiben, sagte einmal Heinz Rühmann. So weit, so gut.
Doch wehe, das eigene Wollen und Begehren schlägt um und steigert sich in etwas (hinein), was mir nicht zugängig ist (und auch nie sein kann), in Forderungen und Erwartungen gegenüber einer Sache oder Person, die vergebens auf Erfüllung warten.


Auch die Jünger Jesu haben einen Wunsch[Link]:
(35) Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.
(36) Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?
(37) Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
(38) Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

(39) Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
(40) zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

(41) Und als das die Zehn hörten, wurde sie unwillig über Jakobus und Johannes. (42) Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.

(43) Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; (44) und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
(45) Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.


Machtansprüche, Rivalitäten, Neidgefühle, das Überschreiten von gewollten Grenzen sind vielen von uns nicht unbekannt - im Gegenteil:
Wenn wir ehrlich sind, zelebrieren wir diese Emotionen manchmal und garnieren unseren doch so trist wirkenden Alltag, den wir uns so gemütlich eingerichtet haben, und vernachlässigen dabei manchmal schnell die wertvollen Beziehungen untereinander.

Man schielt auf das andere, den anderen und weg von sich, beäugt die Erscheinung in allen Nuancen und Kriterien, bis man endlich das findet, was einen zum Suchen verursacht hatte. Schnell ist dann eine Meinung getroffen und ein Urteil gefällt - schneller als man oft will.

Sie werden, liebe Gemeinde, sich nun vielleicht fragen, was diese Sätze mit dem heutigen Text zu tun haben.

Der Dialog zwischen Jesus und seinen Jüngern nimmt uns hinein in Situationen der von uns so oft empfundenen Unzufriedenheit und des Perfektionsstrebens unseres Daseins und Soseins und führt uns das Übertretenwollen von Grenzen vor Augen.
Denn geht ein Wunsch erstmal in Erfüllung, entwickeln wir einen neuen. Nach Wilhelm Busch: Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt wird, kriegt augenblicklich Junge.

Wir wollen doch alle irgendwie höher hinaus als wir es jetzt schon sind, erfinden Erfüllung meist nur im Blick auf die Zukunft, (planen im Urlaub schon den nächsten) und vergessen dabei, das was wir haben, schon längst besitzen, teils reichhaltig - Zeit, Gesundheit, Zufriedenheit! Aber manchmal ist man gefangen in sich und vergisst das Jetzt, den Augenblick, wird blind für die spontanen Dinge, die einem begegnen wollen, gerade hier am Zürichsee, jeden Tag aufs Neue, unerwartet, mit allen positiven und auch negativen Überraschungen, aber dafür in ihrer unerhörten Dichte.
Gefährlich wird es, wenn unsere Unzufriedenheit, in der es sich ja manchmal durchaus bequem leben lässt, darin umschlägt, besser sein zu wollen, besser als wir es jetzt sind, besser so wie den Anderen, oder sogar noch besser gegenüber den anderen.

Für den Philosophen Jürgen Werner gibt es ein untrügliches Zeichen, das angeblich jeder mindestens schon einmal bei sich selber wahrgenommen hat: Irgendwann, man weiß gar nicht woher es kommt, ist plötzlich der Blick, der sonst einigermaßen neutral durch diese Welt schweift, in besonderer Weise auf den anderen fixiert. Und dieser Blick schaut den anderen nicht an, sondern er beobachtet. Der andere wird gemessen, gewogen, eingeordnet, im Letzten wird er verglichen mit dem, was man selber ist und was man selber kann. Dabei wird ein Abstand, eine Differenz ausgemacht. Und plötzlich schmerzt diese Differenz. Man merkt, dass der Andere etwas kann, was man selber gerne können würde. Das tut weh, das ist Neid. Es ist das Auge, das den Neidischen verrät. Zwanghaft muss der Neider das Subjekt seines Neides aufs Genaueste verfolgen, unerträglich ist es ihm, zu sehen, wie sich die hervorragenden Eigenschaften des Anderen auf seine unmittelbare Umgebung auswirken.

Der Andere hat es immer besser im Leben, und der Neidische ist der dauernd zweite, Dritte oder Vierte. Bei ihm guckt mal wieder (kein Schwein) keiner vorbei, „(keine Sau) kein Mensch interessiert sich für ihn“.
Er, der ewig Zu-kurz-Gekommene, dünstet den strengen Schweiß des Verlierers aus. Da müht und strampelt man sich ab, endlich ist man am Ziel und dann steht da schon einer und ruft: „Erster!“

Der Neid, liebe Gemeinde, ist so alt wie die Menschheit selbst. Es gibt ihn seit Adam und Eva. Er wurde geboren und konnte das Paradies der Anderen nicht ertragen. Seitdem arbeitet er unermüdlich und wirkt in der Geschichte: Er verwandelt Nachbarn in Feinde, Ideologien in Kriege, Hütten in Paläste, Liebe in Verrat. Der Neid hat Zeit und Geduld. Doch neidische Mensche - gebannt nur auf das starrend, was andere haben - übersehen ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Sie vernachlässigen sich, da sie denken, dass sie das, was sie beim Andern sehen, sowieso nie haben können.

Das ist der tragische Irrtum des Neiders. Seine Rechnung geht nie auf. Alles, was er beim Andern vermutet und zerstören will, macht ihn selbst nur ärmer. Deshalb bleibt er, was er glaubt zu sein: ein Mangelwesen. Immer wähnt er sich weniger, als er ist.
Über die Ursache des Neides sind die Experten ratlos. Als ein Gebräu aus Wut, Angst, Verlangen, Ohnmacht und Traurigkeit kann man ihn nur diagnostizieren, wenn er schon ausgebrochen.

Neidisch, liebe Gemeinde, sind immer nur die Anderen, sie sind es, die unfähig sind, zufrieden zu sein. Neid ist aber universal. Völkerkundliche Studien belegen, dass alle Menschen fähig sind, Neidgefühle zu empfinden.
„Das will ich auch!“ schreit der Neid und erweist sich als genialer Verführer. Denn käme der Wettläufer einst ans vermeintliche Ziele, dann suchte er dort vergeblich sein Glück - es war der falsche Ort, wohin der Neid ihn getrieben hat.

Neidische Menschen sehen sich durch die Augen der Anderen - und haben sich aus dem Blick verloren. Sie schielen missmutig zum Nachbarn, weil sie für sich selbst nie herausfinden konnten, welche Neigungen, Talente und Vorzüge sie selber (schon längst) haben.
Schauen wir doch lieber unser eigenes Leben an und fragen uns: Was sind meine Träume? Was sind meine Talente? Was habe ich davon ad acta gelegt, weil mir gesagt wurde, damit käme ich nicht weiter. Vielleicht sind das genau die Bestimmungen, die ich in meinem Leben kultivieren sollte, weil sie das ‚Meinige’ sind.

Eifersucht und Neid, Sucht nach Ruhm, Macht oder Anerkennung - sie sind Phänomene unserer Menschheitsgeschichte.


Hören wir, was Jesus zu seinen Jüngern sagt:
Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

Grenzen, liebe Gemeinde, heilsame Grenzen gibt Jesus den Seinen mit auf den Weg. Wichtig ist, ein Gleichgewicht zu finden zwischen den Wünschen an ein erfülltes und sinnvolles Leben, und dem Wissen darum, dass viel Ansprüche, die wir heute haben und von aussen durch Werbung und Medien ans uns herantreten, uns überfordern.
Diese Sichtweise eröffnet eine neue Chance, das Eigene schätzen zu lernen und lieb zu gewinnen, nicht unerfüllbaren Erwartungen ein Leben lang hinterher zu jagen.

Unter den Glaubenden gibt es keinen Wettstreit darüber, wer der tollste, die schönste, die reichste oder der klügste ist.
Denn wir wissen: Die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so soll es unter uns nicht sein; sondern wer groß sein will unter uns, der soll Diener sein; und wer unter uns der Erste sein will, der soll Knecht sein.

In dieser Dialektik, liebe Gemeinde, kommt Glaube an sein Ziel, verwirklicht sich etwas von Gottes liebender Zuwendung zu uns Menschen.
Jeder grosse Schritt beginnt mit kleinen Schritten, lässt uns sicherer werden, sorgt von allein für Ausstrahlung. Die leisen Momente, Gesten die keine Worte brauchen schlagen Wellen und Sorgen für Versöhnung und Erfüllung.

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Gottes Zusage an uns geht soweit, nicht nur unseren Nächsten, sondern auch den Andersartigen, Komischen, Fremden, den Feind zu lieben.

Versöhnung - statt Eifersucht und Streit, Gelassenheit - statt Rastlosigkeit; Leben in Zufriedenheit als Gottes Geschöpfe, in liebender Sorge und im Ausschauhalten untereinander. Das tun, was dem Glauben an Gott dient und nährt... und ihn unter uns heute und morgen verwirklichen und erfahrbar werden lässt - und uns zum Singen einlädt:
Komm ins unsre stolze Welt
Komm in unser dunkles Herz,
Herr, mit deines Lichtes Fülle;
dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz,
deine Wahrheit uns verhülle,
die auch noch in tiefer Nacht
Menschenleben herrlich macht..

Amen.


Gottesdienstablauf

Orgelvorspiel

Votum & Thema
Wochenspruch (Epheser 5, 8-9[Link])
Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Wünsche und Sehnsüchte bereichern unser Leben, gerade im Sommer und lassen uns etwas Grösseres erahnen. Aber: Wünsche wollen auf das ausgerichtet sein, was gut tut und einander verbindet, unser Leben aufhellt und aus dem Schlaf weckt.

Lied RG 574, 1-2 (EG 452)
Er weckt mich alle Morgen

Gebet

Lied RG 574, 5 (EG 452)
Er weckt mich alle Morgen

Lesung

Lied RG 829, 1-5
Herr, gib uns Mut zum Brücken bauen

Predigt

Zwischenspiel

Lied RG 833, 1-4 (EG 428)
Komm in unsre stolze Welt

Fürbitten - Stille - Unservater

Lied RG 833, 5 (EG 428)
Komm in unsre stolze Welt

Mitteilungen
...

Segen

Lied RG 350
Es segne uns der Herr

Orgelnachspiel

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