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Predigt zu Markus 2, 1-12
Unser Leben, liebe Gemeinde in Kandergrund-Kandersteg, spielt sich in Beziehungen ab.
Niemand von uns verdankt sein Leben sich selbst, und niemand hat es bis zu dem heutigen Tag allein geführt. Stets waren und sind andere Menschen darin verwoben.
Immer wieder haben wir Grund genug, an diejenigen zu denken, die unseren Lebensweg mitbestimmt haben: Eltern, Großeltern, Geschwister, Partnerinnen und Partner, Freundinnen und Freunde. Sie alle haben Gesichter und sind für eine bestimmte Zeit für uns maßgeblich geworden. Im Rückblick auf den eigenen Lebensweg ist es vielleicht alles andere als selbstverständlich.
Auch der heutige Predigttext hat es mit Beziehungen zu tun – Beziehungen, die heilsam sind und uns ein Bild von gesunder Gemeinschaft vor Augen stellen. Hören wir genau hin. Er steht im 2. Kapitel des Markus-Evangeliums :
(1) Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.
(2) Und es versammelten sich viele, so dass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.
(3) Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen.
(4) Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.
(5) Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
(6) Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen:
(7) Wie redet er so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?
(8) Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: „Was denkt ihr solches in euren Herzen? (9) Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?
(10) Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – sprach er zu dem Gelähmten:
(11) „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“
(12) Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor voller Augen, so dass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.
Je länger man über diese Geschichte nachdenkt, liebe Gemeinde, umso mehr erschließt sich dem Leser diese Heilungserzählung als eine Beziehungsgeschichte. Menschen kommen in ihr vor, haben für eine kurze Zeit eine wichtige Rolle, können dann aber auch wieder zurücktreten.
Manchmal müssen wir dann auch lernen, loszulassen: dankbar für das Erlebte, um frei zu werden für neue Erfahrungen, dazusein für andere Menschen und offen gegenüber neuen Begegnungen.
Die Geschichte unseres Lebens schreiben wir nie nur allein. Andere sind daran beteiligt. Darum ist jede Lebensgeschichte stets auch eine Beziehungsgeschichte. Und über alle menschlichen Beziehungen hinaus ist unser Leben auch eine Beziehungsgeschichte mit Gott. Ihm verdanken wir uns zu allererst und zu allerletzt. Er ist mitten drin in unserem Leben, manchmal fast unmittelbar erlebbar, manchmal eher auf eine kaum spürbare Weise. (Und das schenkt uns das Vertrauen, Bewährtes zu achten und dennoch neue Wege einschlagen zu können.)
Da gibt es Zeiten, in denen wir sagen können Gott sei Dank, in denen wir reich beschenkt werden mit Glück, guter Gesundheit und Zeit für uns und andere. Aber daneben auch Momente, in denen wir uns verlassen fühlen, einsam und hilflos, wenn Krankheit uns gefangen nehmen will.
Auf den ersten Blick scheint die Erzählung von der Heilung des Gelähmten, wenig mit Beziehung zu tun zu haben, steht doch im Mittelpunkt das Wunder der Heilung. Doch wenn wir unser Leben als christliche Berufung verstehen, vom Evangelium her in Beziehungen hineinzugehen und Beziehungen zum Glauben an Christus zu eröffnen, dann lassen sich – so hoffe ich – überraschende Entdeckungen machen.
Es ist ja nie nur eine einzige Perspektive, unter der sich uns biblische Geschichten erschließen. Sie enthalten, wie wir sagen könnten, stets mehrere Dimensionen. Und in dieser Geschichte werden die Dimensionen bestimmt durch die Menschen, die uns hier begegnen. Lassen Sie sich einladen, sie näher anzuschauen und zu fragen, was sich daraus wohl für uns herauslesen lässt.
Da sind die vier Freunde. Sie wollen helfen. Sie bringen einen Gelähmten, der nicht auf eigenen Beinen stehen kann, weil sie gehört haben, Jesus sei in erreichbarer Nähe. Von ihm erwarten sie Heilung. Aber es gibt kein Durchkommen. Die gute Tat, dem Gelähmten zu helfen, droht zu scheitern. Doch wie so oft im Leben ist es auch hier: Menschen, die etwas wollen, kommen auf ungewöhnliche Gedanken! Manchmal tun sie sogar etwas ohne Rücksicht auf Verluste, weil sie in diesem Augenblick davon überzeugt sind, dass es das einzig Richtige ist. Das Gute tun, das jetzt dran ist, ohne viel Aufhebens zu machen und dafür unter Umständen auch irritierte Reaktionen in Kauf zu nehmen, ist für sie ethisches Gebot. Es setzt Fantasie frei, die wir vielleicht gar nicht vermutet hätten. (Was heißt das für uns?)
Im Alltag, in der Gemeinde oder an unsrer Arbeitsstelle, begegnen uns Menschen, die sich nicht so leicht abwimmeln lassen, die beharrlich sind und uns vielleicht sogar aufs Dach steigen. Selbst dort, wo wir es gar nicht erwarten würden, kann sich völlig überraschend viel Fantasie entwickeln. Oft sind wir zu erwartungslos, als habe sich alles verfestigt und als gäbe es nur wenig Bewegung. Bisweilen kommt es aber dann anders, als wir denken. Da gibt es Aufbrüche! Die Zugänge zum Glauben an Jesus Christus sind unterschiedlich.
Da ist der Gelähmte. Nicht nur seine Beine versagen ihren Dienst. Auch seine Zunge scheint gelähmt. Er spricht kein Wort. Fast scheint es uns, als wäre er nur hilfloses Objekt der Fürsorge seiner Freunde. In der Tat, so könnte man das sehen. Und auch, dass Jesus an ihm das Wunder der Heilung vollzieht, um seine Kraft zur Sündenvergebung zu unterstreichen, mag uns befremden. Doch auch ein anderer Blickwinkel ist möglich: Wo der Gelähmte keinerlei Chance hätte, jemals zu Jesus zu kommen, packen andere an und stehen ihm bei.
Auch das, liebe Gemeinde, entschlüsselt ja einen tieferen Sinn: Wir sind nie auf uns allein gestellt, selbst wenn das manchmal den Anschein haben sollte. Immer wieder begegnen uns Menschen, die uns unterstützen und uns beistehen.
Da gibt es manchmal Zeiten der Dürre/Hilflosigkeit, wo einen das Gefühl beschleicht, man sei wie gelähmt und diese innere Lähmung habe auch andere ergriffen. Wie gut, sich dann auf Menschen verlassen zu können, die uns helfen, weitermachen zu können.
Wir müssen nicht immer nur geben, sondern wir dürfen auch empfangen. Andere werden uns gewissermaßen zu geistlichen Helfern, die uns zum dem zurückbringen, dem wir im Grunde alles verdanken: zu Jesus Christus.
So entsteht wirkliche und gesunde Gemeinschaft, und sie ist das Kennzeichen jeder Gemeinde. In der Kirche Jesu Christi sind nach evangelisch-reformiertem Verständnis eben alle Geistliche. Wie gut, dass das nicht nur ein schönes Ideal ist, sondern (immer wieder) auch hier erfahren werden kann.
Da sind die Schriftgelehrten, die Theologen also.
Was Jesus lehrt, zieht sie an, unbestritten. Aber sie haben sich in langem Studium genügend Kenntnisse aus der Heiligen Schrift erworben, um das Leben beurteilen zu können. Sie wissen, was dogmatisch richtig und falsch ist. Und danach hat man sich zu richten. Als Jesus zu dem Gelähmten sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben“, läuten sofort alle theologischen Alarmglocken: Anmaßung ist das, wo doch nur Gott allein Sünden vergeben kann! Heißt es nicht in den Psalmen: „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte“?! Anmaßung göttlicher Eigenschaften aber ist Gotteslästerung. Die Versammlung hat ihr Urteil schnell gesprochen.
Der Glaube darf das Leben nicht in vorgegebene Raster und Richtigkeiten pressen wollen. Dann droht Verhärtung und Verknöcherung. Wir sind, Gott sei Dank, doch auch mit unserer Theologie nie am Ende und ein für allemal fertig. Die Erfahrungen der Gegenwart Gottes mitten in unserer Welt nötigen uns immer wieder dazu, kritisch die eigene Theologie zu überprüfen und nicht allzu rasch mit den Urteilen bei der Hand zu sein. Die aufmerksame Wahrnehmung unserer Wirklichkeit im Angesicht Gottes wandelt und weitet unseren Glauben, ohne dass sie deshalb beliebig werden müsste. Aber Gott ist eben größer als unser Herz und unser Verstand.
Und da ist schließlich der, um den es nach Markus eigentlich geht: Jesus.
Als begnadeter Prediger wird er uns geschildert, der die Massen anzuziehen versteht. Aber nicht nur in seinen Reden zeigt sich eine ungeheure Souveränität, sondern auch in seinem Handeln: Auf den Zuspruch der Sündenvergebung folgt das Wort der Heilung. Damit sind die Lebensverhältnisse grundlegend verändert: Aus dem Gelähmten, dem Objekt freundlicher Zuwendung, wird ein Mensch, der auf seinen eigenen Beinen stehen kann, der seine Sachen packt und seiner Wege geht: selbständig, frei, aufrecht.
Wir alle, liebe Gemeinde, stehen in seinem Geist, sind von ihm beauftragt. Und wir können für die Praxis christlichen Lebens bei ihm lernen, stets das Eigentliche in den Blick zu nehmen: die Beziehung, die Gott und uns Menschen verbindet. Wie wir vor Gott stehen und wie er uns sieht, ist für Jesus wesentlich. Darum scheut er sich nicht, Missstände anzusprechen, wenn es notwendig ist, und scheut sich ebensowenig, dem ganzen Menschen Heilung zuzusagen.
Jesus lehrt uns, von Gott alles zu erwarten, auch das Unvorstellbare: Es gibt, liebe Gemeinde, in dieser Welt oft Wunder, die sich unseren Erklärungsversuchen entziehen. Es gibt Heilung, wo nach menschlichem Ermessen alles aussichtslos schien. Aber nicht alle werden gesund oder von Behinderungen befreit, auch nicht bei Jesus. Doch manchmal, dann sind sie da: Wunder des Lebens, Wunder Gottes. Und vielleicht beginnt es überhaupt mit dem größten Wunder: Dass wir glauben können, wo doch so viel gegen den Glauben zu sprechen scheint. Sollten da andere Wunder wirklich ausgeschlossen sein? Vielleicht liegt es auch an unserem kleinen Glauben, dass wir Gott zu wenig zutrauen. Und vielleicht ist dieser Kleinglaube die Sünde, die uns heute als Christinnen und Christen vergeben werden muss. Andernorts in der weltweiten Ökumene lernen wir, welche innere Kraft aus dem Wunder des Glaubens erwächst.
Alles Leben spielt sich in Beziehungen ab, auch in der Erzählung von der Heilung des Gelähmten. Und wir alle sind mitten drin, dort genauso wie sonst im Leben: sind nicht festgelegt auf eine einzige Rolle, sondern können Perspektivwechsel vornehmen und dadurch unsere Grenzen, aber auch unsere Freiheit erkennen. Es gibt so viel Neues und Unerwartetes zu entdecken: in der Ehe, Familie, in Freundschaften, bei uns selbst – gerade im so gewöhnlichen Alltag – und das alles in der entscheidenden Beziehung, die uns trägt: der Liebe Gottes zu uns.
Amen.
Gottesdienstablauf
Orgelvorspiel
Votum & Begrüßung
Ich glaube, daß die Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen können.
Ich glaube, es gibt gewisse Tore, die einzig die Krankheit öffnen kann.
Es gibt jedenfalls einen Gesundheitszustand, der es uns nicht erlaubt, alles zu verstehen.
Vielleicht verschließt uns die Krankheit einige Wahrheiten; ebenso aber verschließt uns die Gesundheit andere oder führt uns davon weg, so daß wir uns nicht mehr darum kümmern.
[Ich habe unter denen, die sich einer unerschütterlichen Gesundheit erfreuen, noch keinen getroffen, der nicht nach irgendeiner Seite hin beschränkt gewesen wäre;
wie solche, die nie gereist sind.]
(André Gide, frz. Schriftsteller, 1869-1951)
Lied RG 568, 1.8 (EG 446)
Wach auf, mein Herz, und singe
Gebet
Gott, Schöpfer unseres Lebens. Wunderbar ist dein Wirken an uns.
Manchmal leicht, ein ander Mal schwer zu fassen.
Hier lässt du uns fröhlich sein und dort verstehen wir nicht, warum wir Sorge trage müssen.
Wir bitten dich an diesem Morgen, schenke uns Zeit und Leben in Fülle – und sei du bei uns wenn wir gemeinsam singen und beten.
Lied RG 631, 1.3 (EG 320)
Nun lasst uns Gott, dem Herren
Lesung
Lied RG 684, 1.3 (EG 372)
Was Gott tut, das ist wohlgetan
Predigt
Orgel
Lied RG 681, 1.3.4 (EG 369)
Wer nur den lieben Gott lässt walten
Fürbitten
Gott unser Schöpfer, wir bitten dich – für (einen jeden von) uns, dass wir in aller Verschiedenheit einander annehmen können.
Für die, die krank sind, Kraft und Mut verloren haben, gib ihnen neue Hoffnung.
Für die Gesunden, dass sie nicht andere vergessen, denen es schlechter geht.
Wir bitten dich für die weltweite Gemeinde und denken besonders an die Menschen im Süden, dass sie sauberes Trinkwasser haben und eine Chance zum Überleben.
Stille – Unser Vater
Mitteilungen
Lied RG 346, 1-4 (EG 171)
Bewahre uns Gott, behüte uns Gott
Segen
Orgelnachspiel
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