[ Andacht im Alterswohnheim Gehren am 15.9.2006 ]
 

Andacht

Liebe Bewohnerinnen und Bewohner vom Gehren,

erinnern Sie sich an Ihre ersten Schritten, die Sie getan haben, wie Sie laufen lernten. Nicht einfach war es, einen Fuss vor den anderen zu setzen, ohne zu stolpern und hinzufallen. Dann, wenn Sie es gelernt hatten, kamen mit der Zeit die ersten Schuhe, die Ihre Schritte trugen/begleiteten.

Ich habe heute ein Paar Kinderschuhe mitgebracht, die die Erinnerung an Ihre ersten zaghaften Gehversuche im Leben wachrufen wollen.
Vielleicht waren sie nicht so sportlich bunt und chic wie diese – vielleicht waren es eher Sommerschühchen oder Sandalen, jeder mag es mit seinen eigenen Vorstellungen ergänzen.

Schuhe haben uns (auf dem weiteren Lebensweg) in vielen Phasen unseres Lebens begleitet und haben Wege mit uns zurückgelegt.

Weise mir Herr, deinen Weg, dass ich wandle in Deiner Wahrheit, so spricht der Beter des 86. Psalms. Ein Wunsch, den richtigen Weg zu gehen, dabei sich geführt und nicht allein zu wissen, Menschen an die Seite gestellt zu haben, Ehepartner, Familie, Freunde. Eine Sehnsucht, die in diesem Satz ausgesprochen wird.

Die gesamte Bibel kann man als Weg Gottes mit dem Menschen überschreiben. Noah und Abraham, die ersten Menschen, denen Gott ganz nahe ist und die er auswählt um mit Ihnen die Menschheitsgeschichte in die Wege zu leiten.

Das Wegmotiv begegnet uns auch im Neuen Testament. Der Weg Jesu von Galiläa nach Jerusalem, von der Geburt bis hin zum Kreuz – Weihnachten bis Ostern, ein Weg, den wir immer wieder aufs neue im Kirchenjahr begehen und auf eindrückliche Weise miteinander erleben.

Jesus sagt von sich (Johannes 14,6):
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Der Glaube, liebe Gemeinde, kann uns ein Gefühl von Heimat vermitteln.
Im Singen von Liedern und Sprechen von Psalmen erleben wir ein Gefühl von Geborgenheit und Gemeinschaft, die uns in Momenten der Freude oder in Zeiten der Trauer Sprache verleiht und ein Gegenüber gibt.

Welches ist Ihre Heimat?
Für den einen ist vielleicht der Ort, von dem Sie stammen, für die andere einen Platz im Leben, den Sie fanden, oder ist es die Kunst, Musik oder Literatur? Wie würden Sie Ihre Heimat beschreiben?

Heimat ruft für jeden von uns unterschiedliche Emotionen hervor.
Wir haben sie verlassen oder gefunden. Einige suchen Sie vielleicht noch.

Von der Heimat aus oder zur Heimat hin haben Sie einen langen Weg bis heute auf Ihre ganz besondere Weise zurückgelegt, voller Erlebnisse und Erfahrungen, manchmal auf Umwegen und harten, unwegsamen Pfaden, manchmal auf weichen, moosbedeckten Wegen. Allein oder mit einem Weggefährten an Ihrer Seite.

Den eigenen Weg kann man nur bis zu einem gewissen Grad vorberechnen und planen. Man kann wohl den Beginn festlegen und das erwünschte Ziel bestimmen. Doch wie der Weg verläuft und was sich unterwegs alles ergibt, das wird erst auf der Strecke erfahrbar, die man zurücklegt. Da gibt es Seitenpfade, vermeintliche Abwege nicht begehbar erscheinen, sich dann aber als durchaus geeignete Wege herausstellen. Manchmal muss man die Wegrichtung ändern und die Witterung lässt uns nicht immer den Weg gehen, den wir uns vorgenommen hatten.

Wie ein Kind lernen wir auf dem neuen Weg zu laufen, die Schuhe werden grösser, die Tritte fester und sicherer.
Ein Gefühl von Geborgenheit will sich in solchen Momenten einstellen und lässt und erahnen, dass es etwas Grosses ist, was uns trägt und uns den Weg weist.

Weise mir Herr, deinen Weg! -
Worte eines Suchenden, der sich in Gottes Hand gibt, darauf vertraut, dass das Leben das richtige für ihn bereithält und Verborgenes erkennbar wird.

Vom Aufbruch und Weg aus der Heimat und der Suche nach einem glücklichen Leben erzählt eine kurze jüdische Anekdote, die ich Ihnen vorlesen möchte:

„Einen Mann aus Chelm plagte die Neugier nach dem Leben in der großen Stadt. Schließlich nahm er seinen ganzen Mut zusammen und beschloß, seine Familie zu verlassen. Er machte sich auf den Weg und verbrachte die erste Nacht in einer Pension. Vor dem Schlafengehen stellte er seine Schuhe so auf den Boden, daß die Spitzen in die Richtung zeigten, in die er am nächsten Morgen weiterwandern wollte. Der Gastwirt aber spielte dem dummen Bauern einen Streich: Während dieser schlief, drehte er die Schuhe um, so daß sie jetzt in die Richtung zeigten, aus der der Bauer gekommen war.
Als dieser am Morgen erwachte, orientierte er sich an seinen Schuhen, zog sie an und machte sich auf den Weg in die 'große Stadt'. Zu seiner Überraschung war sie dann gar nicht so groß, wie er gedacht hatte. Sie sah sogar seinem Heimatdorf zum Verwechseln ähnlich. Wirklich staunen mußte er aber, als er dort sogar eine Straße fand, die genauso aussah wie seine, dann ein Haus ganz wie das seine und schließlich sogar eien Familie, die sich in nichts von der unterschied, die er verlassen hatte. Er lebte sich so gut ein, daß er nun den Rest seines Lebens in der großen Stadt verbrachte.“
(aus: Rabbi Nilton Bonder, Der Rabbi hat immer recht. Die Kunst Probleme zu lösen, Pendo Verlag, Zürich 2001)

Eine schöne Geschichte, wie ich finde. Der Mann aus Chelm hat eine Gabe, nicht aufzuwachen und von seiner Reise und Sehnsucht unter keinen Umständen abzulassen. So findet er schliesslich seinen richtige Platz im Leben.
Die grosse Stadt existiert im Hier und Jetzt. Die Logik, die hinter dem Schicksal steht, das vom Umdrehen zweier Schuhe abhängt, lehrt uns viel über die Dinge, die uns das Leben bieten kann.
Indem er seiner Sehnsucht folgt und seinen Traum verwirklicht, findet der Mann aus Chelm die grosse Stadt in einem ganz umfassenden Sinn.

Die grosse Stadt – liebe Bewohner vom Gehren, sie liegt manchmal im kleinen verborgen. Sie tönt nicht unbedingt laut und ist mit dickem Gold verziert.
Sie ereignet sich unter uns, in einem Gespräch, einem liebevollen Blick, einer Versöhnung und in der Gemeinschaft. Manchmal liegt sie direkt vor uns, ohne dass wir es bemerken.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Stadt in Ihrem Alltag entdecken, hier im Gehren, bei Ihren Aktivitäten, in Gesprächen mit Familienangehörigen oder Freunden und vielleicht in der gemeinsamen Andacht, getragen von Gottes schöpferischem Geist.

Amen.


Ablauf der Andacht

Klavier
Improvisation

Votum
Im Namen Gottes der Himmel und Erde gemacht hat. Amen.

Begrüssung
Willkommen zur Freitagsandacht, liebe Bewohnerinnen und Bewohner vom Gehren. Ich möchte mit Ihnen heute über ein besonderes Thema nachdenken:
Wege und Heimat, zwei Aspekte unseres Lebens,
die jeder und jede von Ihnen auf seine/ihre ganz besondere Weise erfahren und gestaltet haben.
Wege und Heimat – zwei Begriffe,
die auch und gerade im christlichen Glauben eine zentrale Rolle spielen.
Die Frage nach dem Weg wirft Erinnerungen auf – lässt uns zurückschauen auf vergangene Zeiten, wirft ein Licht auf das Hier und Jetzt und... richtet zugleich den Blick nach vorn auf das was kommen mag, uns in Empfang nehmen will.
Auf eine Spurensuche möchte ich mich heute mit Ihnen begeben, um Heimat zu entdecken und Wege zu beleuchten.
Der christliche Glaube umhüllt dieses Thema auf vielfältige Weise. Wir dürfen unser Leben zu jeder Zeit und an jedem Ort aufgehoben und getragen wissen im Schutze Gottes des Schöpfers.

Ich lade Sie ein zum Lied Nr. 18: Der Herr, mein Hirte, führet mich
Wir singen die Strophen 1 u. 2.

Lied 18, 1.2
Der Herr, mein Hirte, führet mich

Gebet
Gott, Schöpfer unseres Lebens,
wir danken Dir dass Du uns zusammenführst in dieser Morgenstunde, mit all unseren verschiedenen Wegen, Gedanken und Sehnsüchten.
Unser Weg ist manchmal beschwerlich, die Kräfte lassen nach, der Abschied von liebgewonnen Menschen macht uns traurig.
Gott, wir bitten Dich sei uns ein Wegbegleiter, (begleite uns und) lass uns Deinen Trost und Deine Nähe spüren, in Zeiten, (in denen) wenn Dunkelheit und Angst uns gefangen nehmen will, dass wir Heimat finden.
Erfülle uns mit Licht und sei Du mitten unter uns wenn wir nun gemeinsam singen und beten.
Amen.

Lied 18, 3
Der Herr, mein Hirte, führet mich

Psalm 23 (A. Stadler)

Lied 18, 5
Der Herr, mein Hirte, führet mich

Predigt

Lied 247, 1.3 (EG 331)
Grosser Gott, wir loben dich

Fürbitten – Stille – Unservater

Lied 247, 5 (EG 331)
Grosser Gott, wir loben dich

Segen

Klavierimprovisation

© UlrichHossbach.de